Auf die fünft größte Stadt der Welt sind wir sehr gespannt. Durch die Medien geprägt fragen wir uns, ob uns hier wirklich der sogenannte Kulturschock (Züge, die so voll sind, dass Leute auf den Dächern mitfahren, Menschen, die auf den Straßen ihr großes Geschäft erledigen, die überall lauernde Lebensmittelvergiftung, usw.) erwartet. Wir sind positiv überrascht, als wir dann am Airport in Mumbai ankommen und mit dem Taxi in die Stadt fahren. Klar dauert es ganz schön lange und man steht öfter mal im Stau, aber es unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen asiatischen Großstädten, in denen wir bisher waren.
Von unserem Hotel in Colaba aus können wir zu Fuß viele Sehenswürdigkeiten und Bauwerke aus der Kolonialzeit erreichen. Außerdem gibt es hier viele Bars und Restaurants mit leckerem Essen und lokal gebrautem Bier. Die Straße zu überqueren braucht manchmal etwas Zeit, weil der Verkehr ziemlich verrückt ist und natürlich auch alles sehr voll mit Menschen ist. Da, wo wir uns aufhalten, sind die Gehwege breit und mit der einen oder anderen Pause in einem klimatisierten Café ist der Trubel halb so schlimm. Trotzdem sind wir neugierig darauf, wie die Leute leben, die normalerweise nicht in den Touristengegenden unterwegs sind und entscheiden uns deshalb für eine Tour mit dem Versnatalter Realtity Tours durch das größte Slum Asiens, Dharavi, das mitten in der Stadt liegt.
Eine Tour durch ein Slum? Zunächst begegnen wir der Idee mit gemischten Gefühlen, aber da 80 Prozent der Erlöse an eine Hilfsorganisation vor Ort gespendet werden und Rezensionen zeigen, dass es hier nicht darum geht, den Voyeurismus von reichen Leuten zu befriedigen, sondern Aufklärungsarbeit zu leisten, fühlen wir uns wohl mit unserer Entscheidung und werden auch nicht enttäuscht.
Vorurteilsbehaftet meiden wir bisher Nahverkehrszüge. Als wir mit unserem Tourguide den Zug nach Dharavi nehmen, sind wir überrascht, sogar einen Sitzplatz zu erwischen. Uns wird erklärt, dass es nur ganz früh auf dem Weg in die Stadt und zur Feierabendzeit aus der Stadt hinaus voll werden kann. Also alles halb so wild... In Dharavi leben eine Millionen Menschen friedlich miteinander. Täglich werden Touren durch dieses Viertel veranstaltet, die das Leben der Menschen sowie die sich sehr gut entwickelnde Industrie (Recycling, Töpfern, Nährerien, ...) zeigen. Es ist längst nicht so dreckig wie erwartet (und wir haben niemanden gesehen, der auf die Straße kackt ;) ), es gibt lecker Street Food, Geldautomaten, Supermärkte und, da Teile des Viertels von der Stadt legalisiert wurden, sogar genaue Adressen für die BewohnerInnen, einen Bürgermeister, eine Polizeistation und fließend Wasser und Strom in vielen Haushalten. Trotzdem wird uns mal wieder bewusst, wie gut es uns eigentlich geht, wenn wir hören, dass manche Bewohner täglich bis zu einer Stunde für den morgendlichen Toilettengang anstehen müssen. Verständlicherweise gilt striktes Fotoverbot, an das wir uns natürlich auch halten. Wir können euch nur empfehlen, selbst einmal die Erfahrung zu machen, nach Dharavi zu gehen und das Leben der Menschen dort zu sehen.
Mumbai gefällt uns sehr gut und die obligatorische Lebensmittelvergiftung bleibt (toi toi toi!) bisher auch aus. Obwohl wir hier viel zu viel Geld für Kaffe und Bier ausgeben und die Unterkünfte sehr teuer sind, werden wir auf jeden Fall wiederkommen und uns noch mehr von der Stadt ansehen. Aber jetzt geht es erst einmal zum Bahnhof, denn bald schon fährt der Deccan Odyssey ab! Ihr fragt euch, was das ist? Gut so, ihr werdet es bald erfahren ;)
Okay ciao! Marli und Nils